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Der Volksgarten - Deutschlands größter Vergnügungspark in München

Geschrieben von CoaStar
Die meisten von euch stellen sich jetzt sicherlich folgende Frage: Was zum Henker ist der Volksgarten und wie kommt Sabrina nur darauf, dass es sich dabei um Deutschlands größten Vergnügungspark handeln soll?
Es handelt sich dabei nicht um einen Scherz oder um an den Haaren herbei gezogene Lügen. Wer mich etwas genauer kennt, weiß vielleicht auch dass ich eine Schwäche für Münchner Geschichte und Nostalgie habe.
Und nun möchte ich mit euch 125 Jahre zurück in die Vergangenheit reisen! Denn genau zu dieser Zeit, entspricht meine Überschrift einer Tatsache. Überrascht? Ich war es jedenfalls und habe mich deshalb auf die Suche nach weiteren Spuren, Fakten und Informationen begeben. Und meine Erkenntnisse möchte ich nun gerne mit euch in einer Art historischen Trip-Report mit euch teilen.



Im Jahr 1890 eröffnete auf dem einstigen Gelände der Brauerei Nymphenburg der „Volksgarten Nymphenburg“. Damals war Nymphenburg noch kein Stadtteil Münchens, sondern ein Vorortsgebiet. Der Volksgarten befand sich in unmittelbarer Nähe zum Schloss Nymphenburg, in dem der Märchenkönig Ludwig der II. (weitestgehend bekannt wegen Schloss Neuschwanstein – Vorbild für die Schlösser in den Disney Parks) zur Welt gebracht worden ist. Nymphenburg war ein beliebtes Ausflugsziel der arbeitenden Gesellschaft und Endhaltestelle der sogenannten Dampftram.

Der Park befand sich nach heutigem Straßenbild zwischen der Notburgstraße (wo die damalige Dampftram am Haupteingang des Volksgartens hielt), der Döllingerstraße ( wo sich eine Schaustellerwiese befand), der Südlichen Auffahrtsallee am Schlosskanal und der Romanstraße.



Den Volksgarten als Vergnügungsviertel kann man mit dem damaligen Wiener Prater oder dem Kopenhagener Tivoli vergleichen. Rund ums Jahr konnte man sich hier auf einer Fläche von vier Hektar Platz bis zu 30.000 Besucher amüsieren.
Obwohl es sich um einen dauerhaften Vergnügungspark handelte, wechselten die Attraktionen sehr häufig und blieben selten länger als zwei bis drei Jahre bestehen.

Die Menschen im 20. Jahrhundert waren noch nicht so abgehärtet wie wir heutzutage. Wie die zeitgenössische Presse von damals schreibt, waren die schwindelerregendsten Attraktionen eine Seilbahn und ein Heißluftballon.



Im Sommer 1891 ging die Seilbahn in Betrieb. Die Attraktion war zur reinen Bespaßung da und galt nicht als Personentransportmittel. In einem Zeitungsartikel von damals steht geschrieben, wie aufregend diese Fahrt für damalige Gäste gewesen sein muss. Von eleganten baumelnden Gondeln aus elegantem Eichenholz war die Rede. An zwei bis zu 90000 kg belastbaren Drahtseilen hängen in 20 Meter Höhe zwischen zwei 80 Meter auseinander liegenden Türmen an Laufrollen die Gondeln, die für je acht Personen ausgelegt waren. Die Bahn wirkte auf die Besucher des Volksgartens aufregend. Die damalige Presse schreibt, dass die Personen mit „Zittern und Zagen mit weitaufgerissenen Augen, manch holdes Antlitz zu Seekrankheitsahnungen verzogen“ Was auf gut deutsch nichts anderes heißt, dass ihnen „kotzübel“ war. Weiter steht in der Zeitung von damals geschrieben, dass es „aber gar zu schön ist, so hoch über die Köpfe Anderer hinzufliegen, von staunenden Blicken Minderbegünstigter verfolgt; es ist ebn mit einem Wort ein Vergnügen; und wer das nicht einsieht, gehört eben nicht in den Volksgarten. Zudem steht’s ja noch ausdrücklich am Anfang in großen Plakaten: Luftseilbahn für Vergnügungswecke.“ Dieser Artikel brachte mich sehr zum Schmunzeln. Denn heutzutage würden wir nämlich eine ähnliche Berichterstattung von neuen innovativen Achterbahnen in der Presse lesen. Oder welches Gefühl löste es beispielsweise bei euch aus, als ihr zum ersten Mal in der Presse von King da Ka oder ähnlichen weltklasse Roller Coaster gehört habt?


Hauptaugenmerk lag damals in Nymphenburg also noch nicht auf den spektakulärsten Achterbahnfahrten. Vielmehr war der Volksgarten ein Ort zur Ablenkung und Erholung des Alltags. Dabei wurden viele Interessen abgedeckt.
Für die Musik liebende Gesellschaft wurden Tanzbälle und Musikpavillons angeboten. In Varietes wurden die Gäste mit Tanzeinlagen und lustigen Stücken unterhalten. Für die Kinder gab es einen Spielplatz, was zu damaliger Zeit noch eine Seltenheit war und teilweise auch von Erwachsenen genutzt wurde. Für die ganz kleinen gab es eine Märchenhütte mit einem Geschichtenerzähler.



Besonderen Wert wurde auf kulinarische Vielfalt gelegt. Deshalb gab es verschiedene thematisierte Erlebnisrestaurants im Volksgarten. Unter anderem ein ungarische Csarda und eine oberbayerische Almhütte mit künstlich angelegten Hügel. Serviert wurden originale Rezepte von authentischen Bedienungen in traditioneller Tracht.



Sportsfreunde und Wettwütige kamen bei einer Trabrennbahn oder beim Velodrom, welches für Radrennen gedacht war, auf Ihre Kosten.



Im Hippodrom konnte die Mittelschicht in den Genuss kommen auf Pferden zu reiten, das zur damaligen Zeit sich nur die reiche Bevölkerung leisten konnte.



Bayerns erster provisorischer Zoo, besser gesagt die öffentliche Beschaulustigung von Tieren befand sich Jahre bevor der Tierpark Hellabrunn eröffnete im Volksgarten Nymphenburg. Damals wurden teilweise zirkusähnliche Vorstellungen im Käfig vorgeführt. So gab es beispielsweise Löwendompteure die den Löwen einen Kuss auf die Wange gaben.



Ein innovatives Highlight war der 1897 eröffnete Aussichtsturm, der einen elektrischen damals hochmodernen Aufzug besaß. Aus einer Höhe von 35 Metern hatten rund 30 bis 40 Personen die Möglichkeit ein münchnerisches Voralpenpanorama zu bewundern.



Künstlich angelegte Grotten zählten vor allen bei frischverliebten Besuchern zu den beliebtesten Plätzen und fungierten als eine Art Liebestunnel. Diese Art von Vergnügen war schon zu Zeiten des Märchenkönigs sehr beliebt und findet sich deshalb nicht nur im Schloß Linderhof sondern auch im Volksgarten wieder.

Über diese Attraktionen hinaus gab es zusätzlich noch eine Festwiese auf der sich Schausteller über einen längeren Zeitraum mit ihren Fahrgeschäften und Buden positionieren konnten. Darunter befanden sich unter anderem Schießbuden, Schiffschaukeln, verschiedenste Karusselle, ein Hunde- und Affentheater, Kasperle Theater, Photographiebuden, Krinolinen und Rutschbahnen. Im Jahr 1911 gab es sogar ein Zeppelin-Luftschiff und eine Rodelbahn mit elektrischen Betrieb (möglicherweise ein „Lost Count?“).






Selbst abendliche Illumination und Feuerwerk wurden bei besonderen Anlässen im Volksgarten veranstaltet.

Doch warum ist uns diese Belustigungsmeile innerhalb Münchens leider nicht erhalten geblieben? Dafür gab es mehrere Gründe. Zum einen der steigende Bedarf an Wohnraum, weshalb sich eine Villensiedlung in Nymphenburg bildete.
Auch der Tierpark Hellabrunn wurde große Konkurrenz zum Volksgarten. Sowie der Ausstellungspark auf der Theresienwiese zogen immer mehr Zuschauer an. Man kann es aber auch wirtschaftlichen Fehlern zu Grunde legen, denn der Volksgarten wurde am Ende zum Spekulationsobjekt, bevor mehrmals die Pächter und Attraktionen wechselten. Kurz bevor der Erste Weltkrieg ausbrach, wurde der Volksgarten geschlossen. Immerhin hatte München somit 26 Jahre lang einen Vergnügungspark. Meiner Meinung nach keine kurze Zeit, wenn man bedenkt wie sehr dieser Park in Vergessenheit geraten ist. Heute erinnert nur noch der Straßenname an den Ort an dem einst Junge und Alte lachten und vergnügt haben. Wer diesem Ort mal einen ehrvollen Besuch abstatten möchte, fährt vom Münchner Hauptbahnhof aus mit der Straßenbahn bis zur Haltestelle Romanplatz und begibt sich dann in die Volksgartenstraße. Der Name dieser Straße ist alles was vom Volksgarten erhalten geblieben ist. Und selbst die Bedeutung des Straßennamens ist den meisten heutzutage nicht mehr bekannt.




Bei solch einem leider vergessenen Juwel lasse ich gerne mal meiner Fantasie freien Lauf und verfalle ins Schwärmen. Was wäre, wenn das Projekt nicht gescheitert wäre? In welche Richtung hätte sich der Volksgarten dann entwickelt? Was für phänomenale Attraktionen würden dort heute auf uns warten? Ein Münchner Kindl wie ich es bin, hätte es sicherlich sehr begrüßt einen stationären Freizeitpark im Herzen der bayerischen Hauptstadt zu haben. Aber der größte Vergnügungspark Deutschlands gehört nun nur noch der Geschichte an. Und diese wollte ich zur dieser besinnlichen Zeit mit euch teilen.


Quellen:
Buch „111 Orte in München, die Geschichte erzählen“ von Rüdiger Liedtke,
Buch „Zwischen Lustgarten und Lunapark: Der Volksgarten in Nymphenburg (1890-1916) und die Entwicklung der kommerziellen Belustigungsgärten Broschiert – 2013“ von Jürgen Weisser
Diverse alte Postkarten vom Volksgarten München
googlemaps München Screenshot
Ausschnitte und Zitate aus der Zeitung MNN vom 15.07.1891
Schloss Nymphenburg
Volksgarten Nymphenburg
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